Bioshock Infinite für PS3 oder Rassismus ist nicht artsy

04Jan14

Dieser Artikel enthält Spoiler. Dieser Artikel ist ragey und negativ und wer Bioshock Infinite liebt, soll sich am Ende nicht bei mir beschweren.
Ich habe leider nur einen anderen Artikel zum Thema finden können, aber ich weiß mit Sicherheit, dass das Spiel vielfältig von Blogger*innen of Color kritisiert wurde. Wenn mich eins in die Richtung weiterverlinken könnte, wäre ich sehr dankbar. (Edit: Es gibt jetzt unten weiterführende Links.) Fangen wir an.

Ich fand den ersten und zweiten Bioshock Teil sehr hübsch (womit ich die Stimmung des Spieles, aber auch den Rest meine) und freute mich auf den dritten Teil. Dass wir uns nicht mehr unterm Meer befinden sondern über den Wolken schreckte mich nicht ab, obwohl es eine neue Stimmung hervorruft.

Rassismus, my old friend

Wir sind also mal wieder ein weißer Typ (ich dachte in den 40ern, scheint aber er sollte wesentlich jünger sein), der in die Himmelsstadt Columbia geschickt wird, um eine Schuld zu begleichen. Er bringt seinen Auftraggeber*innen ein Mädchen, sie tilgen seine Schuld, so der Deal.
Schon unmittelbar nach der Ankunft in Columbia wird klar, dass hier alles recht religiös zugeht – und weiß. Alle Leute in der betenden Menschengruppe, der wir begegnen, sind weiß. Das hätte eine erste unauffällige Kritik von Bioshock Infinite an der Gesellschaft in Columbia bzw. Videospielen allgemein sein können … wenn die vorherigen Teile nicht absolut unkritisch schneeweiß gewesen wären. Also kein Sternchen für dich, Infinite.

Während wir versuchen uns in der Stadt zurechtzufinden und die Mission voranzutreiben, wird ein erster Blick darauf gewährt, wie es hier läuft: Du gewinnst in einer Lotterie und dein Preis ist der erste Wurf. Auf was oder wen? Auf der Bühne vor dir werden eine Schwarze Frau und einer weißer Typ gefesselt zum Bühnenrand gefahren. Um sie herum gibt es kolonialrassistische Requisiten, die das Thema “jungle fever” tragen. Die beiden scheinen demnach gegen die gesellschaftlichen Regeln verstoßen zu haben, indem sie sich miteinander einließen. Nun musst du dich entscheiden, ob du tatsächlich den Ball auf die beiden wirfst oder auf den Ansager.
Ich kann nicht für die Schwarzen Spieler*innen sprechen, aber ich würde mich an der Stelle schon mal nicht eingeladen fühlen. Mit rassistischen Bildern konfrontiert werden, nur um einen Aussage über die rassistische weiße Gesellschaft der Stadt zu machen – das hätte man auch anders bewerkstelligen können. Warum es an sich daneben ist, zur Wahl zu stellen, ob man das Pärchen oder den Ansager bewirft, erklärt Daniel Golding hier (allgemein ein lesenswerter Artikel zum Spiel und seinen Ansprüchen).

Aber diese Szene ist nur der Beginn rassistischer Sprüche und Darstellungen. Im weiteren Verlauf des Spieles fällt ca. 4 Mal das N-Wort, ebenso “Schl***augen” und die rassistische Beleidigung amerikanischer Ureinwohner (in Worten, zu den Bildern komme ich gleich noch). Dies geschieht entweder, wenn über die nicht-weißen Aufständischen Vox Populi (latein. für “Stimme des Volkes”) gesprochen wird oder im Rahmen von geschichtsverzerrenden Darstellungen des Massakers bei Wounded Knee und des Boxeraufstandes (beides um die Wende zum 20. Jh. geschehen). Denn in diesem Spiel hagelt es nur so weiße religiöse rassistische Propaganda – die Propaganda an sich nichts Neues in den Bioshock-Spielen – und u.a. wird das deutlich gemacht in einer Ausstellung, die mit raumfassenden Installationen verzerrt, was damals wirklich geschehen ist. (Es handelt sich um reale Ereignisse der US-amerikanischen Geschichte.) Da gibt es rassistische Karikaturen von sowohl Chines*innen als auch amerik. Ureinwohner*innen – und die waren einfach nicht nötig. Ja, Propaganda funktioniert über, auch, rassistische Verzerrung der Gegner*innen, aber wenn du den Anspruch hast so etwas zu kritisieren, solltest du das auch tun. Die rassistischen Bilder noch einmal, aber schon ins Komisch-Groteske verzerrt, darzustellen, ist keine kritische Auseinandersetzung!
Das Spiel gibt dir nicht einmal eine Möglichkeit zu erfahren, was bei den Ereignissen wirklich geschehen ist, bietet also kein korrigierendes Gegengewicht zur Propaganda. Es wird lediglich enthüllt, dass andere weiße Typen da gekämpft haben, als die weißen Typen, die angeblich da gekämpft haben. Spannend. Aber das ist halt das Einzige, was dem Spiel wirklich wichtig ist, auch ‘ne Aussage.

Revolutionäre, die auf Comstock starren¹

Nun könnte man noch hoffen: Vielleicht hält die Vox Populi ja was sie verspricht. Vielleicht räumt sie mit dem weißen Establishment auf und klagt es seiner Sünden an. *lacht erschöpft* Ja, nein.
Als ich die Anführerin der Vox Populi kennenlernte, war ich freudig überrascht. Eine Schwarze junge Frau, die eine anti-kapitalistische, anti-rassistische Arbeiterrevolution anführt, das ist doch erstmal geil, oder? Tja. Je näher die Revolution rückt, desto mehr zweifeln die beiden weißen (!) Hauptfiguren, dass es die richtige Entscheidung war zeitweise mit der Vox Populi zu kooperieren (oder zumindest ähnlich vorzugehen – Polizisten abknallen). Die weibliche Hauptfigur ist zwar schockiert, wie schlecht es den armen Schwarzen im Armenviertel geht (*Augenrollen*), das man auch besucht, aber das mit der gewaltvollen Revolution, das ist doch dann auch irgendwie … übertrieben? Und schließlich kommen die beiden zu dem Ergebnis, dass die Vox Populi nicht besser ist als der vorherige weiße, kapitalistische Herrscher, der Rassentrennung aufrecht erhielt. Japp, absolut vergleichbar. Keine Frage.
Das Ganze gipfelt mehr oder weniger darin, dass die Anführerin (ist euch schon aufgefallen, dass ich mir schlecht Namen merke?) ein Kind umbringen will. Wow. Ich mein, WOW. Jetzt ist sie nicht nur “genauso schlimm” wie Comstock, sie ist auch noch eine gewissenlose Kindermörderin. Gefolgt wird das später von einer tränenreichen Nebenstory, wo ein weißer Typ aus der Armee, der ein Kind of Color für Informationen gefoltert hat, es dann bei sich aufnimmt. Can you spell w t f.
Als es dann übrigens dazu kommt, dass man nicht mehr nur weiße Polizisten, sondern auch Vox Populi abknallt, sind die auch mind. zur Hälfte weiß. Diesen Leuten sind Weiße so wichtig, dass sie überall sein müssen, AUCH IN DER NICHT-WEIẞEN REVOLUTIONSTRUPPE.
Und als Sahnehäubchen: Durch einen geschichtlichen Twist wird die weiße männliche Hauptfigur dann zu einem Held der Vox Populi. I just can’t.

Einschätzung

Was, noch mehr? Ja noch mehr Einschätzung.

Nun ist das eine Spielreview, ich möchte aber nicht davon ablenken, dass es sich um einen rassistischen Scheißhaufen handelt, darum nur kurz die restlichen Fakten: Plasmide heißen jetzt anders, machen aber immer noch Spaß. Man kann nur noch 2 andere Waffen tragen (plus eine extra Waffe für den Nahkampf), Waffen liegen aber überall herum, also keine Knappheit (auf Schwierigkeit normal). Ich mag die besonders starken Gegner, leider keine Hintergrundstory zu ihnen. Die Szenerie ist einfach nur amazing animiert. Ich liebe den Songbird. Zum Finale hin gab es 3 sehr nervige Bugs. Die Hintergrundstory war nicht mehr so gut erzählt wie in den vorherigen Teilen, die Auflösung war mir zu new-age-mäßig, obwohl sie andern gefallen hat.

Ein großes Verständnis-Problem im Spiel an sich war für mich noch, dass ich nicht mit US-amerikanischer Geschichte (und der US-amerikanischen Kultur) erzogen wurde, sondern der deutschen. Wir werden zwar in US-amerikanischen Sendungen und Themen nur so mariniert (RW = Redewendung), aber dieses Spiel ist einfach zu sehr auf ein US-amerikanisches Publikum zugeschnitten, um für mich in der ganzen Storyline zu funktionieren. Der wiederholte Bezug auf die Gründerväter z.B. hat für mich keine emotionale Bedeutung.

Fazit: Nicht die gleiche coole Stimmung wie in den vorherigen Teilen. Eine Story, die ich weniger packend fand. 1000% mehr PoC als in den Vorgängern und es trotzdem verkackt. Ultra-rassistische “anti-rassistische” Storyline. 3/10.

Weiterführende Links:
Bioshock Infinite Privilege
Booker DeWitt and the Case of the Young White Lady Feels: a Bioshock Infinite review
Errant Signal – Bioshock Infinite (Spoilers) [Video] via @AranJaeger, TW rassistische Bilder

1 Schlechter Witz. Tut mir Leid. Comstock ist der oberböse Anführer der Stadt.

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17 Responses to “Bioshock Infinite für PS3 oder Rassismus ist nicht artsy”

  1. Danke für diesen guten Artikel. Eine Ergänzung; wenn ich mich recht erinnere, sollen die Weißen bei den Vox Populi (auch der Typ gegen Anfang) irische Einwanderer sein, die in den USA in diesem historischen Umfeld diskriminiert wurden: http://en.wikipedia.org/wiki/Irish_American#Stereotypes

  2. 3 Ravna

    Hey! Danke für die ausführliche Analyse!! Das ist ja mal ganz schön abgedreht, unterm Antira Deckmantel dann so sehr institutionellen systematischen Rassismus zu re_produzieren. Wobei, leider auch typisch. Games Industry ey…! Voll gut, dass du den Artikel geschrieben hast.

  3. Jup, genau meine Meinung. Die im Kern grundreaktionäre Botschaft von Bioshock Infinite lautet: “Ja die Welt und die Verhältnisse darin sind scheiße, aber versuch bloß nicht, irgendwas zu verändern, damit machst du nur alles schlimmer.”

    Der DLC “Burial at Sea” verspricht da ein wenig mehr. Habe Episode 1 gespielt, es geht zurück nach Rapture. Erzählt eine persönlichere Geschichte und die Darstellungen von PoC sind da wesentlich vielfältiger.

  4. (dieser kommentar ist nicht wirklich ein diskussionsbeitrag, nur so n feedback-dingens, muss also nicht veröffentlich werden.)

    ich hab null ahnung von oder erfahrungen mit videospielen (abgesehen von sims – zählt das? :D), hab’s aber sehr genossen, deinen artikel zu lesen. einerseits hast du diese spielwelt gut und vorstellbar beschrieben und dann aber auch deine kritikpunkte sehr gut verständlich gemacht und erläutert. die ragey-rant-sachen fand ich gut, schön prägnant auch. die weiterführenden verlinkten sachen sehen auf die ersten blicke gut aus, werd mich damit mal noch weiter befassen.

    und insgesamt hilfts mir beim weiterlernen und mitdenken. beim nächsten sachen kritisch überdenken hab ich dann mehr zeug aufm schirm, dass eins hinterfragen könnte. dankeschön.

    jedenfalls, mein fazit: kritische spielerenzensionen auf high on chlichés – 10/10, gerne wieder!

  5. Ich wollte das schon eher kommentieren, aber nunja, ich mach das jetzt endlich mal. Ich möchte dir danken, dafür,dass du das so treffend analysiert hast. Ich hatte ja vorher bereits BioShock 1 gespielt, und ich muss sagen, es ist eines der Spiele, die mich mit am meisten beeinflusst haben. Die Atmosphäre die durch Rapture entsteht und durch die dem Wahnsinn verfallenen Splicer usw. Auch die politische Message war für mich da ziemlich klar. Das hatte ich mir von Infinite irgendwie auch erhofft. Aber am Schluss stand ich ziemlich ratlos und verwirrt da, also nicht nur wegen dem ziemlich verschwurbelten Ende, sondern weil ich einfach nicht dahinter gestiegen bin, was “die Moral von der Geschicht” sein sollte.

    • Die männl. Hauptfigur soll wohl moralisch zweifelhaft gewesen sein und … wir erkennen, dass alle Revolutionen böse sind und … was mit Zeitreisen m) No really, keine Ahnung.

  6. Ich hab von dem Spiel gehört, selber nur Bioshock 1 gespielt. Ich hatte nicht viel gesehen, nur dass die Grafik der Hammer ist und n Teil der Jahrmarktszene – da hatte ich Hoffnungen, dass das Spiel endlich sowas gescheit in nem Top Titel umsetzt. Schade. Danke für das Review. Mehr davon :)

    • Die Grafik/Umgebungsgestaltung ist in der Tat ziemlich nice. Für mich offensichtlich überschattet vom Rest ^^ Bioshock 2 würde ich allerdings empfehlen.

  7. 15 Der Honk

    Videospiel sind Kunst und sind als solche kalkuliert, haben einen doppelten Boden und Spiegeln nicht die Meinung des Entwicklers wieder. (s. René Magritte: “Das ist keine Pfeiffe, sondern das Bild einer Pfeiffe”) Bei deinem Artikel habe ich dauernt das Gefühl, dass du das Spiel als eine Art “Handlungsempfelung” der Entwickler verstehst, was es nicht ist. Also du, schlicht den doppelten Boden und damit die Einsicht außer Acht lässt, dass es sich gewissermaßen um einen geplanten ästhetischen Erkenntnisprozess handelt. Das ist keine Bösartigkeit seitens der Entwickler!
    Das Ganze wirkt sicherlich etwas plastisch, was wohl den Medium und der Zielgruppe geschuldet ist. Andererseits springt einem dadurch die politische Philosophie nur so ins Auge (Staat/Gesellschaft: Platon vs. Aristoteles).


  1. 1 Rassismus ist nicht artsy | herzteile

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