Adultismus bei Captain Awkward

26Aug12

Schlagwörter: Adultismus – Vernachlässigung – Privileg – Captain Awkward

Adultismus ist ein Thema, dass ich erst vor Kurzem durch die takeover.beta-Belegschaft, namentlich kiturak, näher kennengelernt habe. Insofern bin ich selbst noch am Erforschen und gehe relativ intuitiv vor: wenn es sich wie Adultismus anfühlt, wird es Adultismus sein.

Was ist das denn nun?

Adultismus ist, grob gesagt, Diskriminierung aufgrund von nicht vorhandener Volljährigkeit. Wobei “Volljährigkeit” oder “Erwachsen sein” von Land zu Land und Kultur zu Kultur anders definiert werden kann.

In diesem Artikel möchte ich allerdings nicht weiter auf Adultismus im Allgemeinen eingehen (das in einem der zukünftigen Artikel), sondern auf Adultismus bei CaptainAwkward.com. Denn so sehr ich von der Seite schwärme, geht mir der Umgang mit Adultismus gewaltig auf die Nerven.

Da wäre zunächst die Häufigkeit, mit der Kommentator*innen von “unreifem” Verhalten sprechen. Vergleiche anführen wie “wie ein Kleinkind zu quängeln” oder “ein Tobsuchtsanfall zu bekommen”, wenn sie unangemessene Reaktionen auf Kritik beschreiben möchten. Dies wird logischerweise als völlig legitim angesehen, während z.B. sexistische und rassistische Vergleiche gelöscht würden.
Derlei Formulierungen gibt es unzählige, die auch bei uns (das heißt in deutschsprachigen Ländern) weit verbreitet sind.

Was mir aber noch stärker auffiel und mich störte, war der Umgang von JenniferP/Captain Awkward mit Kritik an Eltern und ihren Methoden.
Es ist keine Frage, dass z.B. schwangere Frauen* unglaublich bevormundet werden. Ich bin mir auch dessen bewusst, dass frische Eltern die unterschiedlichsten und vor allem widersprüchlichsten Ratschläge bekommen.
Die Fälle, in denen auf CaptainAwkward.com gemahnt wurde, man solle Eltern nicht reinreden, waren jedoch keine moralisch-drohend vorgebrachten Forderungen, sondern vorsichtige Einwände, dass nicht gut klinge, was man da gerade gelesen hat. Wenig überraschend habe ich diesen Einwänden zugestimmt.

Inhaltswarnung: (emotionale) Vernachlässigung von Kindern (Übersetzung der Zitate auf Anfrage)

Im ersten Falle erwähnte JenniferP beiläufig Bekannte

5) My good friends are training their 5-month old to sleep and to comfort himself if he wakes. So they ignore his cries at night (unless they go on for a certain duration and intensity = more than 10 minutes, a sharp upset cry vs. a “Hey, come hang out with me” cry) so that he’ll learn to soothe himself.

Ich fand die Stelle beunruhigend. In den Kommentaren wurde das auch von anderen erwähnt. JenniferPs Reaktion

The parents, kid, etc. are fine and happy, they are using a method suggested by their pediatrician, and their parenting choices aren’t really up for general judgment and discussion.

Also die Argumente sind: mehrere Erwachsene schätzen dieses Vorgehen als in Ordnung ein und das Kind zeigt keine unmittelbaren Anzeichen emotionaler Schädigung (außer schreien/nicht schreien, schätze ich…), deswegen ist das Vorgehen in Ordnung. Darüberhinaus: eine Person, die gelernt hat, was das Beste™ für Kinder ist, sagt, dass es richtig ist.
Was nun aber, wenn die Kritik von Menschen kommt, die wissen, wie es ist am anderen Ende dieser coolen Methode zu sein? Dann ist das irrelevant, weil Erwachsene einfach Bescheid wissen und die Methode von einer Autorität abgesegnet wurde.
Mehr Gedanken dazu auf Zmrzlinu.

Der zweite Fall trug sich letztens zu. Es ging um eine Person, deren Partner sie(?) und ihre(?) Kinder absolut vernachlässigte durch exzessives Videospielen. In den Kommentaren wurde von MHM dann vorsichtig folgendes angemerkt. (“LW” steht für “Letter Writer”)

I find myself feeling protective of the LW’s children [...] Should they continue to be exposed to this lifestyle? I think it’s worth a discussion with a professional. A consultation with a psychologist could help the LW figure out if and how the addiction is impacting her children.

Das ist eine völlig relevante Frage, die auch stark auf der Hand liegt, wenn man sich den Brief durchliest. Es wird beschrieben, wie der Vater die Kinder mit “Später.” abspeist und warten lässt während er Stunde um Stunde weiter Computer spielt, wenn sie etwas von ihm wollen. Der Beschreibung nach ist er nicht einmal emotional verfügbar, wenn er sie wäscht, weil er nebenbei Spiele auf dem Handy spielt.
Aber auch diese harmlose Frage wird damit abgebügelt, dass man “parenting styles” nicht kritisieren soll. Entschuldigung, welcher “Stil”? Emotionale Verwahrlosung?

Was hier geschieht, und da wären wir wieder bei Adultismus, ist, dass es als wichtiger erachtet wird, die Eltern vor Kritik zu schützen als den Kindern ein sicheres, respektvolles und geborgenes Heim zu bieten. Und diese Art von Parteilichkeit sehe ich einfach nicht ein. Denn wenn es in jemandes Hand und Verantwortung liegt, dass es den Kindern gut geht, dann sind es die Eltern.

Ich bin mir sicher, dass dieses Thema, vor allem für Eltern, starke Emotionen auslöst. Die Kommentare sind aber nicht offen für eine Diskussion, wie es Eltern in dieser Gesellschaft schwer gemacht wird (was zweifelsohne der Fall ist). In diesem Artikel geht es darum, wie Kinder und Jugendliche ignoriert und bevormundet werden, also möchte ich nur Parteilichkeit auf deren Seite lesen. Erwachsen sein ist einfach mal ein Privileg. Bitte nicht vergessen.
Wer eigene Erlebnisse aus der Kindheit/dem täglichen Leben erzählen möchte, die zu passen scheinen, ist dazu eingeladen.

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11 Responses to “Adultismus bei Captain Awkward”

  1. Volle Zustimmung. Vielen Erwachsenen scheint wirklich nicht so ganz klar zu sein, dass Kinder nicht das Eigentum ihrer Eltern sind. Sollen mit fünf Monaten selbstständig genug sein, sich selbst zu beruhigen aber wenn sie dann alt genug sind, eine eigene Meinung zu haben ist das “nur eine Phase” die man nicht ernstnehmen muss.

  2. 2 Chesh

    Die Diskussion um Adultismus (oder eben die Vermeidung davon) hat meine Kindheit stark geprägt. In den frühen 90ern (als ich noch im Kindergartenalter war) kam meine Mutter auf das Konzept der antiautoritären Erziehung und baute mit verschiedenen anderen Eltern und Interessierten eine freie Schule (kein Waldorf/Montessouri, eher orientiert an A. S. Neills Sudbury School) in Ostberlin auf, wo ich meine Grundschulzeit verbrachte.
    Das gab uns Kindern viele Möglichkeiten und Freiheiten, die andere nie hatten: wir konnten selbstständig unsere Tagesabläufe und Lerninteressen organisieren (es war immer jemand da, die/der uns Dinge erklärt hat, die wir wissen wollten), mitbestimmen, wie die Schulräume aussahen, welche neuen Teammitglieder eingestellt wurden etc. In verschiedenem Ausmaß (von “sanft autoritär” bis “Laissez-faire”) wurden Konzepte von Mitbestimmungsmöglichkeiten für die Kinder auch in den jeweiligen Familien gelebt.
    Wenn ich heute mit Freunden (die nicht mit auf dieser Schule waren) über die Zeit rede, stoße ich häufig auf Unverständnis und Ablehnung. Die vorherrschende Meinung ist, Kinder “bräuchten” klare Handlungsanweisungen, Lehrpläne und Autorität, weil sie nicht wüssten, was “das Beste” für sie sei.
    Solche Konzepte bergen natürlich auch eine Reihe von Schwierigkeiten: damals lebten und lernten wir alle an der Grenze zu Illegalität (die Schule war noch nicht staatlich anerkannt); Solche Schulen sind fast immer Privatschulen und kosten recht viel Geld (am Anfang waren fast alle Eltern in irgendeiner Form “Aussteiger” und das Schulgeld ließ sich auch mit Sozialhilfe irgendwie bestreiten, heute sind die freien Schulen, die ich kenne, ziemlich gentrifiziert); Das Engagement, dass den Eltern abverlangt wird, ist für manche eine Überforderung; Kinder können selten selbst entscheiden, ob sie auf eine solche Schule gehen möchten – es bleibt eine Entscheidung der Erziehungsberechtigten.
    Ich habe damals häufig erlebt, wie andere Familienmitglieder/Freunde mit meiner Mutter über mich und mein Schicksal gestritten haben, versucht haben, mich zu beeinflussen etc. Wichtige Dinge, die mich betroffen haben, hat sie aber immer mich entscheiden lassen, oder mit mir gemeinsam entschieden.
    Das ist jetzt erst einmal ein ziemlich ungeordneter Gedankenbatzen. Ich hoffe, das kann ein wenig zur Diskussion beitragen.

    • Wow, das klingt echt toll muss ich sagen. Also ich mag deine Einstellung zu dem Thema, auch was du bei accalmie/auf stop!talking. zur Erwachsenen-Kind-Interaktion geschrieben hast.

      Bei solchen Schulen gibt es (inzwischen?) tatsächlich ein krasses Klassismus-Problem (nicht zu reden von weiterer Diskriminierung, die durch ein ganz bestimmtes Klientel zustande kommen). Darüber will ich auch noch im Zusammenhang mit Marshall Rosenberg schreiben, der die Gewaltfreie Kommunikation stark promotet.

      • 4 Chesh

        Danke! Den Zusammenhang zu Rosenberg sehe ich noch nicht ganz, bin aber sehr gespannt darauf.
        Einerseits ist der Klassismus ziemlich heftig, andererseits gibt es in solchen Schulen häufig mehr Offenheit gegenüber alternativen Organisationsstrukturen (z. B. alle Mitarbeiter_innen bekommen das gleiche Gehalt, flache Hierarchien). Das Ganze kommt ja auch häufig aus linksprogressiven Kreisen, und es gibt eine gewisse Aufmerksamkeit gegenüber diskriminierendem Verhalten. Gleichzeitig werden eigene Privilegien dort eher selten hinterfragt, obwohl sie massiv vorhanden sind.

      • Rosenberg hat auch eher als Tangente was damit zu tun :) Ich erklär’s dann besser im Ganzen.

  3. 6 Ruby

    Ich möchte hier jetzt allgemein mal sagen, dass ich es großartig finde wie du und andere von takeover.beta euch dem Thema so toll annehmt! :)
    Ich kann mich noch viel zu gut daran erinnern, wieviel Genervtheit und Wut ich als Kind/Jugendliche in mir hatte, weil mir von der Gesellschaft nicht zugestanden wurde eigene Entscheidungen zu treffen und meine Freizeit und mein Lernen selbst zu gestalten.
    In dieser Zeit habe ich dann die Website von K.R.Ä.T.Z.Ä (kraetzae.de) gefunden – die Texte dort haben mir wirklich geholfen zu sehen, dass ich nicht alleine mit diesen Gefühlen bin.

    Was mich oft erschreckt, ist wenn Leute mir erzählen, dass sie auch krassen Adultismus erfahren haben, was aber im Rückblick alles ‘schon okay war’ weil ja sonst aus ihnen ‘nichts rechtes geworden wäre’.

    Vielleicht liegt mir das Thema so schwer im Magen, weil ich ähnlich wie Chesh ein Umfeld hatte, das auf eine gewisse Weise versucht hat Adultismus gegenüber mir zu vermeiden und es mir dann eben nicht normal oder okay vorkam, mit 13 z.B. nicht wählen gehen zu dürfen oder mir nicht aussuchen zu können, welche Themen ich in der Schule lernen will.

    Insgesamt ist unser Schulsystem imho eine der größten institutionalisierten Diskriminierungsstätten die es gibt und viel Leid verursachen (das klingt dramatisch, aber so meine ich es tatsächlich), aber das wäre jetzt wohl ein längerer Text (oder ein Buch ;)

    Nach dem ganzen Gerage fällt mir kein toller bündiger Schlussatz ein, deswegen sage ich einfach nochmal “Danke!” :D

    • Was mich oft erschreckt, ist wenn Leute mir erzählen, dass sie auch krassen Adultismus erfahren haben, was aber im Rückblick alles ‘schon okay war’ weil ja sonst aus ihnen ‘nichts rechtes geworden wäre’.
      Menschen müssen es halt als richtig darstellen, weil sie sich sonst selbst mit entsprechenden Erfahrungen und damit einhergehenden Gefühlen konfrontieren müssten.

      Inhalt: Erwähnung von Gewalt gegen Kinder

      Da gab’s zum Beispiel dieses Beispiel, dass in Schweden in den 60ern (??) das Schlagen von Kindern verboten wurde. Mit jeder Generation gab es weniger Menschen, die es als okay bezeichneten parallel zu weniger Eltern, die schlugen.

  4. 8 Ruby

    Kleiner Nachtrag: Ich habe gerade “adultism” gegoogelt, um mehr Ressourcen zu dem Thema zu finden.
    WTF! o__O

    • Hehe, es gibt auch Seiten, die nicht zum Betrügen gedacht sind, sondern tatsächlich Adultismus behandeln!^^ Habe aber noch keine englischsprachige aus Betroffenheitsperspektive gefunden.


  1. 1 A Few Thoughts On Adultism. « stop! talking.
  2. 2 Consent Culture | Feminismus 101

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