A feminist’s guide to insults

12Aug12

Schlagwörter: white supremacy – Kyriarchie – Rassismus – Sexismus – Schimpfwörter – R*** Culture – Cis-Sexismus

Ich habe in den letzten Tagen drei verschiedene Diskussionen zur Benutzung von Schimpfwörtern und zur Bedrohlichkeit von Aussagen (besonders in Blogkommentaren) geführt. Dazu möchte ich noch einmal zwei Sachen zusammenfassen. Einige Punkte finden sich auch in meinen Artikel zum Thema Reclaiming. Aber das soll uns nicht aufhalten.

Es gibt verschiedene Gruppen von Schimpfwörtern. Die deutlichste Unterscheidung muss man entlang von Diskriminierung treffen. Ich kann jede*n “Arsch” nennen, aber “Schl****” hat eine ganz bestimmte Zielgruppe. Und das ist wichtig. Daraus ergibt sich nämlich, wer entscheiden kann, wie diese Worte zu verstehen sind und wie nicht. Ich kann mich als Mann* einfach mal nicht hinstellen und festlegen, wie sexistische Beleidigungen zu verstehen sind. Ich kann nicht behaupten “Sch****” sei okay oder ein Kompliment oder anderen sexistischen Mist.
Ich kann als Cis-Sexuelle*r nicht bestimmen, ob “Tr****” positiv besetzt ist oder werden kann. Ich kann nicht festlegen, dass “Transfrau/-mann” ein diskriminierungsfreier Begriff ist.
Ich kann als Weiße*r nicht hingehen und mir eine Bullshit-Definition vom N-Wort aus dem Hintern ziehen (oh Gott, was ich schon alles gelesen hab m/ ) und darauf basierend behaupten, wir können gerne mal Eis und Süßigkeiten und sonstwas danach benennen.

Als Privilegierte*r erzählt man Marginalisierten¹ einfach mal nicht, wie sie Schimpfwörter zu verstehen haben, die genau deswegen an sie gerichtet wurden, weil man sie damit verletzen kann … und will. Und es gibt keinen “Kontext”, in dem Schimpfwörter “nett” werden. Wörter, die zum verletzen gedacht sind, sind kein Kompliment. Sie reduzieren eine Person notwendigerweise auf einen Aspekt ihrer Identität und auf alle damit verbundenen Stereotype gleich mit.
Also sagt mir nicht, dass “du sexy Sch*****” mir schmeicheln soll. Es reduziert mich immer noch auf meine (wahrgenommene) Weiblichkeit, überschreitet Grenzen und sagt mir, dass ich dem männlichen Blick zur Verfügung zu stehen habe. Fuck that.

Aus all dem leitet sich ab: wenn eine marginalisierte Person mir erklärt, dass ein Wort beleidigend ist, wird sie Recht haben. “Es würde keinen Sinn machen, mich damit zu beleidigen, aber ich habe das noch nie in einem negativen Kontext gehört.” kommt einfach mal nicht gut.

Aus all dem leitet sich weiterhin ab: wenn dir eine gerechtere Gesellschaft am Herzen liegt, benutzt du keines der diskriminierenden Schimpfwörter. Kein. Einziges. Nicht einmal, wenn du in der gleichen marginalisierten Gruppe bist wie die Person, die du beleidigst. (Daher habe ich auch ein kleines Problem damit, per Slutwalk gleich mit als “Sch*****” bezeichnet zu werden. Ich möchte das Wort nicht reclaimen.)
Sei dir bewusst, sollte dir doch ein diskriminierendes Wort rausrutschen: du unterstützt das System.

Und nun ein kleiner Richtungswechsel. Den Großteil der folgenden Erkenntnisse habe ich übrigens kiturak zu verdanken.

Zum Beschimpfen und Bedrohen, um ein Klima der Angst zu erzeugen, das verschiedene Gruppen unserer Gesellschaft klein halten soll, benötigt man keine Schimpfwörter. Es ist wichtig, das im Kopf zu behalten, weil man sonst in die gleiche Falle wie ich tappen kann: ‘Das war doch gar nicht so schlimm. Wenigstens wurde ich nicht *-istisch beleidigt.’ Nein. Die Kyriarchie sticht mit tausend kleinen Nadeln und führt zu einer Wunde, die signifikant schwächt. Es ist ein Baustein, auf der Straße beschimpft zu werden. Ein weiterer ist es, wenn Bekannte dir unüberlegte Fragen stellen. Der nächste, wenn du auf Arbeit weniger bezahlt bekommst (oder gar keinen Job oder überhaupt eine Wohnung). Probleme mit Ämtern, Autoritätspersonen, die dich ungerecht behandeln, das Lustigmachen über deine Identität im Fernsehen, Menschen, die dir nicht glauben, … Deswegen sprechen wir nicht mehr nur von Rassismus, sondern white supremacy. Deswegen spricht man von struktureller Unterdrückung.
Und genau so, wie viele Männer* nicht sehen, was es mit dem Begriff “creepy” auf sich hat, mit dem Frauen* “um sich werfen, obwohl es doch gar kein Problem gibt“, verwehren wir uns mitunter selbst und gegenseitig, die Gewalt hinter einem verbalen Angriff zu sehen.
Was zählt ist nicht, ob Die Fünf Magischen Schlagwörter in einer bedrohlichen Nachricht stehen, sondern wie die angesprochene Person sich fühlt. Denn genau dieses Gefühl und Level der Bedrohung war das Ziel. Und das Gefühl der Bedrohung entsteht, weil all die versteckten Wege, die unsere Gesellschaft nutzt Marginalisierte zu treffen, durch solche Beleidigungen aktiviert werden. Du bist anders, mach dich klein.
Aber weil diese Art von Drohungen unsichtbar ist und so unglaublich leicht unter den Teppich gekehrt werden kann, tun wir nichts. Stattdessen spielen wir insult olympics², denn “ich habe schon viel schlimmere Drohungen bekommen”.
Leute, das ist r*** culture … White supremacy … Kyriarchie. Das ist Betroffene alleine lassen.

1 Wörtlich: “an den Rand gedrängt”, von Diskriminierung betroffen
2 Angelehnt an “opression olympics”, wo man fruchtlos versucht zu ermitteln, wer “unterdrückter” ist. Sollte allgemein vermieden werden.

Crossposted auf takeover.beta

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3 Responses to “A feminist’s guide to insults”

  1. siehste, jetzt bin ich verlegen, weil ich denke “ich hab das doch nicht erfunden”. Aber, naja. Bei mir kommt wiederum ein Teil davon, was Noah Sow zu Merkmalen von dominanten Diskursen zu sagen hat – bzw. dass da Schimpfwörter oder verletzende Sprache nur ein Teil von sind. Abgesehen davon hab ich das tatsächlich von Anfang an vor allem durch meinen eigenen Blog gemerkt. Mir war ziemlich früh völlig klar, dass ich für “kein Bock auf den” keine “Gründe” ™ brauche*, sondern dass ich mich im Gegenteil damit selbst verunsichere, wenn ich danach suche, ob der jetzt irgendwelche “Regeln” verletzt, oder ich ihn ansonsten veröffentlichen “müsste”. Nix da. Mein Bauchgefühl zählt, und danach kann ich herumforschen, warum der jetzt so scheiße war, inwiefern das dominante, eklige Scheiße war, welche Methoden das verwendet hat. Wenn überhaupt Bock hab, drüber nachzudenken.

    Ich seh das echt auch als einen Teil des tone argument-Themas. Die schlimmsten Sachen funktionieren bei Bedarf völlig ohne erhobene Stimme oder Schimpfwörter, und bei ein paar von den Profi-Masku-Trollen bekomm ich den Eindruck, dass sie genau das auch gezielt tun. Innerhalb akzeptierter Regeln von sozialem Umgang (keine Schimpfwörter, keine Großbuchstaben) versuchen, Leute fertigzumachen, kleinzumachen, zu isolieren.

    *Beispiel – TRIGGERWARNUNG [auch für den Link, Edit Zweisatz 13:20 12.08.12]:

    Wenn jemand bei mir sowas kommentiert wie “Und, gehst Du jetzt weinen?”, dann krieg ich das Dominante/Gewaltvolle daran nicht über irgendwelche der gängigeren Netiquettes definiert. Mein Instinkt sagt mir – wenn ich mir überhaupt Mühe mache, drüber nachzudenken, warum ich den ohne Wimpernzucken gelöscht hab – dass das ein Typ ist, der Predator-Verhalten an den Tag legt und vermutlich regelmäßig Menschen Gewalt antut, vermutlich seit langer Zeit, vermutlich schon immer. Beweisen kann ich das nicht. Muss ich auch nicht. Begründen schon. Muss ich aber auch nicht. Für mich ist nur wichtig, DASS ich den ohne Wimpernzucken lösche.

  2. Na ich nenn dich und du nennst Noah Sow. Läuft super.

    Das Bedrohen und Beleidigen ohne offensichtlich zu sein, ist wirklich ‘ne Sache, nach der mensch Ausschau halten muss.


  1. 1 A feminist’s guide to insults » takeover.beta

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