Kennste den?

24Jun12

Schlagwöter: Slut Shaming – Sex – Sexismus – unsere Gesellschaft – Heterosexualität

Von Kackscheiße reproduzierenden Seiten wie ibash oder Menschen mit furchtbarem Humor und einer Facebook-Pinnwand mag einigen die folgende Story bekannt sein: ein Mädchen* fragt im Biologie-Unterricht auf die Bemerkung hin, dass Sperma Zucker enthalte, warum es dann nicht süß schmecke. Die angebliche Reaktion des Lehrers ist furchtbar und unrealistisch (na ja, außer bei Sexisten), deswegen gebe ich die nicht weiter wieder.
Abgesehen davon, für wie authentisch man die Anekdote hält, wirft sie ein interessantes Licht auf das Verhältnis unserer Gesellschaft zu Slut Shaming. (Und das ist alles, worum es in diesem Artikel gehen wird. Manchmal habe ich komische Einfälle.)

Diese Geschichte, besser die Einordnung dieser Geschichte als Witz, verdeutlicht, dass heterosexuelle¹ sexuelle Aktivitäten von Frauen* nicht als normal bzw. neutral bewertet werden.

In einer Welt ohne Slut Shaming oder andere Formen der Diskriminierung würde die Lehrperson antworten: “Danke für deine Perspektive, X, das ist eine interessante Frage. Weiß jemand Anderes die Antwort?” Die Frage wäre logisch und normal. Sie würde als das behandelt werden, was sie ist: eine weitere Möglichkeit, Schülicus² im Unterricht etwas beizubringen.
Wir leben aber nicht in dieser Gesellschaft. Wir leben in einer Gesellschaft, wo es schockierend genug ist, dass eine Frau* eigene sexuelle Interessen hat, statt reine Rezeptionsfläche³ für männliche⁴ Wünsche zu sein.
In diesem Kontext wird Frauen* auch aberkannt, dass sie Spaß an verschiedenen sexuellen Aktivitäten haben könnten. Besonders “provozierende” Sexualakte, wie es früher mal der Blowjob war, heutzutage Analverkehr, werden gerne in einem Licht dargestellt, wo der Mann* es unbedingt will, aber die Frau* dazu gedrängt wird. Mit anderen Worten schwingt das Ausüben von Dominanz gesellschaftlich mit, auch wenn es in einer ausgeglichenen sexuellen Beziehung nichts mit Dominanz oder Erniedrigung⁵ zu tun hat, wenn die Partnicus in einem Dialog herausfinden, wer worauf Lust hat.

Zurück bei der Geschichte können wir feststellen, dass sie nicht witzig sein soll, weil das Mädchen* verraten hat, dass sie jemals einen Blowjob performt hat. Es ist die Peinlichkeit, die witzig ist. Wer grausam genug ist und die gesellschaftliche Perspektive verinnerlicht hat, amüsiert sich, weil sie verrät, dass sie “erniedrigt wurde”.
Wenn man hingegen der Ansicht ist, dass Frauen* selbstbestimmt entscheiden, was ihnen sexuell gefällt und sie dies auch verfolgen, lässt sich ein Witz weit und breit nicht erkennen.

Weiterführende Lektüre vor allem auf Yes Means Yes empfohlen.

1 Ich schreibe “heterosexuell”, weil meine Aussagen nicht einfach auf homosexuelle Handlungen übertragen werden können. Aufgrund der Diskriminierung von Bi-, Pan-, Homosexuellen und Queeren kommt dann eine andere Dynamik zum Tragen.

2 Neue geschlechterunspezifische Endung in der Testphase: Sng.: -icu (in meinem Kopf frz. gesprochen “isü”, Betonungn auf “ü”), Pl.: -icus (gesprochen “isüs”). Siehe claire de lunes letzten Kommentar.

3 In Anlehnung an “Projektionsfläche”: die Person, die die Wünsche einer anderen “entgegennimmt” (engl.: receive) / umsetzt

4 Wir wissen ja, es gibt nur heterosexuelle Paarbeziehungen mit 1,2 Kindern

5 Echte Dominanz und Erniedrigung, unconsensual mit anderen Worten

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3 Responses to “Kennste den?”

  1. 1 Samia

    Ha, sone Story hab ich auch erlebt: Biologieunterricht. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt hatte, aber ich hab wohl durchblicken lassen, dass ich schon sexuelle Erfahrungen hatte. Da war ich noch ziemlich jung. Der Lehrer nur so: “Pfui, Samia! Pfui!!” Hab gelacht. So. Jedenfalls danke, dass du bei dem “Witz” die Pointe weggelassen hast.

    Zu der icu-Sache, die hört sich für mich schon eher männlich* an, grade im Plural (wie Status oder so). Aussprechen würde mans auf französisch wohl eher “ikü” (sonst müsste man içu schreiben).

    • Ein sarkastisches tooooll für deinen Lehrer :/

      Und @Endung, ja kommt mir auch leicht so vor. Werd’s wahrscheinlich in einem Artikel noch beibehalten, weil es sich schneller schreiben lässt, aber dann wohl wieder aufgeben.

  2. Ha, wollt ich kommentieren und sehe, dass Samia wieder schon alles gesagt hat. Auch von mir danke fürs Pointe weglassen.
    Und, äh, ja zu allem?



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