Die Straße gehört den anderen

12Mai12

Schlagwörter: street harassment – sexuelle Belästigung – Sexismus – unsere Gesellschaft

Street harassment is a form of sexual terrorism because women never know when it might happen, by whom, and how far it may escalate. Because of street harassment, from a young age women learn that public spaces are male territory. In the Stop Street Harassment survey, almost one in four women said the harassment started by age 12 and around 90 percent by age 19. Because of street harassment, women learn – and are told from a young age – to limit the places they go, they try not to be in public alone (especially at night), and when they are alone, they stay on guard.

Aus dem Stop Street Harassment-Fact sheet von Holly Kearl, zum Download auf Hollaback Berlin

Nachpfeifen, anhupen, angaffen, sexualisierte Kommentare oder Gesten, Fotos machen ohne zu fragen, angrabschen, in Nahverkehrsmitteln gegen eine Frau* pressen, ihr folgen oder sie ohne ihre eindeutige Zustimmung ansprechen und in ein Gespräch verwickeln, die eigenen Genitalien zeigen, anfassen oder masturbieren, an einer gut einsehbaren Stelle urinieren bis hin zu sexuellen Übergriffen sind street harassment.

Street harassment ist ein Zeichen einer Gesellschaft, die den Erfahrungen und der Autonomie von Frauen* weniger Wert beimisst. Die es in Kauf nimmt, dass Mütter, Schwestern, Freundinnen, Töchter und Großmütter ihr Leben in unsichtbaren Schranken planen und leben, sich im öffentlichen Raum nicht unbeschränkt und in Sicherheit bewegen können und ihnen darüberhinaus die Schuld zuweist, wenn sie belästigt wurden.

Auch die “harmloseren” Formen von street harassment sind Gewalt. Sie führen, in der Manier des stetigen Tropfens, zu einem Gefühl der Unsicherheit und der ständigen Vorsicht. Sie bringen Frauen* dazu, ihre Kleiderwahl, ihr Auftreten, ihre Schul-, Arbeits- und Freizeitwege zu überdenken, zeitlich einzuschränken, wann sie auf die Straße gehen oder mit wem. Sie krempeln das Leben in einer schleichenden, schwer im Blick zu behaltenden Art um, die spätestens im Alter von 25 zu einer zweiten Haut geworden ist.

Aber auch dafür gibt es keine Belohnung. Es ist egal, ob und welche Vorsichtsmaßnahmen eine Frau* trifft, sie wird weder dadurch belohnt, in Ruhe ihr Leben führen zu können, noch werden die Einschränkungen öffentlich anerkannt, die sie sich auferlegt.

Immerhin verhindert die zweite Haut, dass man jeden Tag darüber nachdenkt, in welcher Form man sich einschränkt. Es tritt vielleicht an die Oberfläche, wenn man von einem neuerlichen Fall krasser Belästigung hört oder selbst davon betroffen ist. Sonst aber wird man von Gedanken darüber verschont, wenn man nicht gerade in einem Workshop sitzt, der Männer* und Frauen* fragt, was sie dagegen unternehmen, Opfer von Gewalt auf der Straße zu werden. Die einen sitzen verständnislos da und denken über die Frage nach, während die anderen schon krampfhaft schreiben.

Es ist nicht in Ordnung und darf nicht normal sein, dass Frauen* diese Zustände erdulden müssen. Ich will etwas dagegen tun, irgendwas.

Abschließend eine Runde Bullshit-Bingo:

Ich als Mann würde mich freuen, wenn Menschen meines/meiner bevorzugten Geschlechts/Geschlechter mir hinterherpfeifen würden. Ich/meine Freundin* finde/t das voll in Ordnung. Was erwartet sie* auch mit den Klamotten/um die Uhrzeit…
Mir ist so etwas noch nie passiert. Männer werden wesentlich häufiger Opfer von Gewalt auf der Straße.¹ Ich als Mann habe so etwas noch nie miterlebt.
In anderen Ländern ist das viel schlimmer. Das ist doch ‘ne Kleinigkeit. Das war als Kompliment gemeint!
Die Migranten sind es, die die Probleme machen. Jetzt darf man Frauen* nicht mal mehr ansprechen. Ich guck doch nur.

1 Hint: das ist Derailing

Das erste Mal wurde ich vor fremden Männern* mit 8 gewarnt.

Crossposted auf takeover.beta

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14 Responses to “Die Straße gehört den anderen”

  1. 1 H.D.

    Vielen Dank für diesen Text. Hat mich gleich zu einem eigenen Blogpost inspiriert, den ich gerne hierher verlinke, wenn er fertig ist. Das Bullshit Bingo ist großartig! Gibt es das schon irgendwo, oder ist das von dir? Wenn ja, könntest du es auf Englisch übersetzen oder hättest du was dagegen, wenn ich es tue (natürlich mit den entsprechenden credits)?

    • Kannst du gerne verlinken, wenn er lebt ;)

      Das Bullshit-Bingo habe ich so ‘runtergeschrieben. Ich gebe dir hiermit meine ausdrücklicke Erlaubnis es zu übersetzen. Weniger Arbeit für mich *schmunzel*

  2. 4 hannah

    DANKE! super artikel, fasst so einiges aus meiner persönlichen erfahrung zusammen. nur von der zweiten haut kann ich mit 25 jahren leider noch nicht so viel spüren…

    • So wie ich es meinte, ist das eigentlich gar nicht schlecht. Das bedeutet natürlich leider, dass du mitbekommst, welche Mühe du dir gibst, um “keine Probleme zu bekommen”, aber es bedeutet auch, dass du als Quasi-Außenstehende kritisch hinterfragen kannst, was vor sich geht.

  3. 6 Melba

    Erst einmal danke für Deinen Text, er spricht auch mir aus der Seele und spiegelt meine Erfahrungen wieder. Das Thema ist gerade auch für mich wieder mal aktuell, da ich beruflich bedingt regelmäßig als einzige Frau mit einer Gruppe von Männern unterwegs bin ( alle wie auch ich in ihren 20ern ). Da gehört es meistens einfach dazu, bei jeder Gelegenheit Frauen auf der Straße hinterher zu pfeifen oder aus dem Auto anzuhupen. Für die Männer ist das einfach ein Spaß, niemand scheint sich großartig was dabei zu denken und ich weiß in solchen Momenten auch nicht, was ich dazu sagen soll, weil ich 1. keinen Streit anfangen will und es 2. wohl sowieso niemand verstehen würde.

    Eine Frage die ich mir dazu gerade stelle ist: Wie kommt es, dass es kaum Situationen gibt, in denen es überhaupt denkbar wäre, dass eine Gruppe von Frauen einen Mann belästigt? ( Mir fällt gerade eine Situation ein, in der ich mitbekam, wie ein Frauen-Kegelclub in einem Zugabteil einen alleinreisenden Studenten plump anbaggerte. )
    Liegt das daran, dass bereits weniger Frauen und Gruppierungen von Frauen in der Öffentlichkeit unterwegs sind?

    • Das ist in der Tat eine schwierige Situation, in der du dich da befindest.

      Zu der Frage, die du aufgeworfen hast: ich denke einfach, dass die Sozialisation von Männern* und Frauen* sich hier zeigt. Während das Trinken auch in Frauen*gruppen relativ normal ist, gibt es kein ungeschriebenes Gesetz, das besagt, dass es cool wäre dann kollektiv Männer* anzugraben – umgekehrt ist dies jedoch der Fall.
      Damit Frauen* dieses Verhalten auch übernehmen, sind dann schon einige Faktoren nötig (immerhin ist viele Männer* anzumachen bei der einzelnen Frau* ja gesellschaftlich auch wieder verschrien), in dem von dir genannten Falle: große Gruppe, Einfluss von Alkohol, Altersunterschied.

      Zu deiner letzten Vermutung: ich würde sagen, Frauen* sind weniger in großen besoffenen Gruppen in der Öffentlichkeit unterwegs, das hat sich tatsächlich noch nicht durchgesetzt (wenn’s nach mir geht, braucht man solche Gruppen auch nicht).

      • 8 undekagon

        Du vergisst da noch die Homo-Anmache. Auch Männer (insbesondere wenn sie weiblich/niedlich sind), werden schon mal von Männern dumm angemacht. Schwule sind im Schnitt auch keine besseren Menschen als Heteros. Zu Lesben habe ich in der Praxis noch nichts negatives gehört, keine Ahnung woran das liegt.

        [Ich hab' so 'ne Ahnung. Rest editiert, weil mir zu krude. Zweisatz 19.06.2012 15:00]


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